AVS persönlich

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für meine persönliche Geschichte nehmen …


Am Abend des 12. Septembers 2004
Gemeinsam mit meiner Frau spazierte ich durch den Bremer Bürgerpark zum „Park Hotel“. Zum ersten Mal haben wir das alljährliche Spektakel „Musik und Licht am Hollersee“ bei einem guten Essen verfolgen können. Wir genossen den Abend und gingen später entspannt durch die herbstliche aber noch warme Nacht nach Hause.

Nachts ließen wir frische Luft durch die Terrassentür. Ich wachte durch starke Schmerzen auf, die ich auf den Durchzug zurückführte und schloss die Tür. Die Schmerzen wurden immer schlimmer und als ich auch in der darauffolgenden Woche eine leicht überhöhte Temperatur hatte, entschied ich mich, meinen langjährigen Hausarzt zu konsultieren.

Aufgrund meiner Schilderung verschrieb er mir Tabletten gegen fiebriges Rheuma. Obwohl ich wegen einer schlimmen Erkrankung in meiner Kindheit absolut gegen das Einnehmen von Tabletten war, habe ich sogar mehr als die verordnete Dosis eingenommen aber meine Schmerzen wurden nicht besser. Nach fünf Tagen der Tabletteneinnahme ohne Besserung, meinte meine Frau, dass ein Blutbild wohl angebracht wäre. Aber das war mir nun doch wieder zu „konkret“.

14 Tage nach dem 12. September 2004
Als ich am Montag dann doch beim Arzt war, kam dieser gleich nach Erhalt der Ergebnisse zu mir nach Hause, um mir mitzuteilen, dass ich doch lieber ins Krankenhaus gehen sollte, um mich „mal richtig durchchecken zu lassen“. Dieses sollte ca. drei Wochen dauern.

Am Abend habe ich dann mit meiner Frau zusammen auf der von meinem Hausarzt empfohlenen Station V für Innere Medizin im Krankenhaus Bremen-Mitte angerufen, um mir einen Termin zur Einweisung geben zu lassen.

Als der Pfleger mich fragte, was ich denn hätte, habe ich ihm das Latein meiner Einweisung vorgelesen, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja leider noch keine Ahnung über meine Erkrankung. Als der Pfleger dann sagte: „Sie haben Leukämie….“, reißt mein Erinnerungsvermögen ab und meine Frau und ich haben die ganze Nacht nur noch gebetet.

Am nächsten Tag in der Klinik, als ich schon nicht mehr handlungsfähig war und alles meiner Frau überlassen musste, sagte – Gott sei Dank – Frau Doktor zu uns, dass Leukämie heilbar wäre.
Die Therapie dauere 53 Wochen, plus in der Regel weitere 3 Monate wegen der schweren Nebenwirkungen, ob wir noch Fragen hätten? Ich hatte keine mehr, weil ich überhaupt nicht wusste was los war und meine Frau wagte nichts zu fragen, aus Angst in Bezug auf diese Erkrankung dumm zu wirken. Wir haben dann beide entschieden, dass wir nur dann Fragen stellen, wenn einer von uns das Gefühl hat „die Sache“ läuft nicht so, wie wir uns das vorstellen.

Nun war ich also von heute auf morgen im Krankenhaus, ich glaube das erste Mal ca. 8 Wochen am Stück, und wurde erst einmal von Kopf bis Fuß untersucht, um festzustellen, ob es noch weitere Auffälligkeiten gibt und in welchem Gesamtzustand mein Körper ist – sollte heißen, welche Dosierung der Chemotherapie er verträgt. Zu unserem Glück vertrug er eine hohe Dosierung!

An diese Zeit habe ich fast keine Erinnerung mehr, wohl weil ich mich aufgrund der Diagnose in einer Art Schockzustand befand. Für meine Frau war es eine große Umstellung, bis auch sie verstanden hat, dass ich jetzt im Grunde ganz plötzlich wie ein Kleinkind bin, für das sie die Entscheidungen zu treffen hat, obwohl ich mich gerade dagegen immer vehement gewehrt hätte! Im Nachhinein haben wir auch erfahren, dass Frau Doktor vom ersten Moment an eine Knochenmarktransplantation für mich vorgesehen hatte, weil meine Werte so erhöht waren. Aber nachdem meine erste Knochenmarksentnahme an Laboratorien in ganz Deutschland geschickt worden waren, kam ca. Ende November 2004 die Entwarnung: aufgrund der Ergebnisse war ich doch „nur“ Niedrigrisiko und nicht Höchstrisiko und somit war keine Transplantation nötig.

Anfang Januar 2005
Man hat mir unter großem Einsatz eigene Stammzellen entnommen und eingefroren, um bei einem eventuellem Rückfall darauf zurückgreifen zu können.

Nachdem man mir den für mich positiven Befund mitgeteilt hatte, dass doch keine Transplantation nötig ist, kehrten auch mein Erinnerungsvermögen und mein Kampfgeist zurück.

Bis dahin hatte ich mich in einer Art Dämmerzustand befunden, in dem ich mich auch meinen nächsten Angehörigen nicht mitgeteilt habe, sondern mich im Grunde genommen total von der Außenwelt abgeschottet hatte, um erst mal selbst diesen Schock zu verarbeiten. Das war natürlich für niemanden leicht, wenn von heute auf morgen der Freund, der Sohn oder der Lebenspartner plötzlich „weg“ ist.

Während der schweren Chemotherapie habe ich mich fast immer in diesem Dämmerzustand befunden, aber ich hatte trotzdem ein wenig mehr Hoffnung, dass ich dieses alles überleben werde.

So war das ganze Jahr 2005 für mich praktisch eine ewiges Auf und Ab im Zeichen dieser Krankheit. Mein weiteres Leben wird natürlich im Zeichen der Krankheit stehen, aber im Jahr 2005 war ich mit den unmittelbaren Konsequenzen konfrontiert:
Chemotherapie und Bestrahlung des Kopfes zur Prophylaxe gegen einen späteren Befall des Gehirns, mit allen Konsequenzen und den schrecklichsten Nebenwirkungen, die man sich gar nicht vorstellen kann und mag.

Nicht zu vergessen bleibt das ganze menschliche Leid, welches ich allein in meinem kleinen Krankenhauszimmer erlebt habe: Während meines 13 monatigen Aufenthaltes haben 14 meiner Zimmergenossen ihre schwere Krankheit nicht überlebt!!! Das mag für einen Außenstehenden nur eine Zahl sein, aber man baut in einem gemeinsamen Krankenzimmer schon eine Beziehung zueinander auf und kann den Tod des Anderen nicht einfach wegstecken und insbesondere dann nicht, wenn man selbst schwer krank ist. An dieser Stelle auch noch einmal Hut ab vor der Leistung und den Belastungen der gesamten Schwestern- und Pflegerschaft!

Meine ganze unmittelbare Umgebung (Familie + Co.) musste sich auf mein Leben einstellen. Was soll man sagen, es gab ups and downs und weil ich wegen der heftigen Nebenwirkungen nicht mehr in der Lage war alleine zu gehen, saß ich zeitweilig im Rollstuhl.

Dass ich „in den Schoß“ der Familie und sehr guter Freunde gefallen bin, war ein ganz besonderes Glück auch wenn dieses albern klingen mag. Ich war nicht der alleinige Ernährer und trotzdem bedeutete meine Krankheit auch wirtschaftliche Engpässe, die zum Glück durch den weiteren Familienkreis aufgefangen werden konnten. Auch konnte meine Frau trotz der starken seelischen Anspannungen weiter arbeiten.

Dieses aber natürlich auch nur, weil sicher gesteilt war, dass meine Krankheit und ich uns auf einem „guten Wege“ befanden. Ansonsten wäre sicher vieles anders verlaufen und man hätte vielleicht auch andere Wege beschreiten müssen. Dieses ist uns aber zum Glück erspart geblieben. Und auch meine Freunde haben, nach anfänglichem Schock, meisterlich zu mir gehalten. Ohne sie wäre der heutige Abend nicht machbar gewesen!

Abschließend kann man sagen, dass die Erfahrungen dieser schweren Zeit meinen Blickwinkel und den meiner Frau auf das Leben und seine Wertigkeit an sich total geändert haben. Man sagt das immer so leicht, aber diese Erfahrungen kann kaum jemand nachvollziehen und sie sind auch niemandem zu wünschen.

Um aber das Leid der gesundheitlich Betroffenen und ihrer Angehörigen zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht ein wenig zu lindern ist in der langen Zeit, die ich zum Nachdenken hatte, in mir die Idee für AVS & Friends und das Motto „Gemeinsam statt einsam!“ entstanden.

Februar 2006
Die Therapie habe ich schulbuchmässig in 53 Wochen überstanden. Bis jetzt sind – toi, toi, toi! – alle Ergebnisse der Nachuntersuchungen unauffällig. Im medizinischen Sinne gelte ich zwar nicht als geheilt, aber ich möchte mir erlauben zu sagen, dass ich mich doch so fühle …

Besonderen Dank möchte ich hiermit auch meiner lieben Frau aussprechen, die ausnahmslos jeden Morgen und jeden Abend meines langen Krankenhausaufenthaltes bei mir gesessen hat. Ohne sie hätte ich das alles nicht durchstehen können!

Alles Gute für Ihre Gesundheit!

Ihr
Andreas von Salzen